Ina Loitzl
Titel:
„hairytales“
Beschreibung: Ina Loitzl stellt nun „FAIRYTALES“ als „HAIRYTALES“ vor: Märchen als Haargeschichten, die (…) sich eher mit der Mythologie des Haares als einem Attribut schöner Weiblichkeit beschäftigt. Das Haar. Vorweg muss man wohl mit einer Illusion aufräumen. Wir sind erstaunlicherweise begeistert von tollen Frisuren und lästern über einen provinziellen Haarschnitt der Phäaken. Dabei gibt es keinen materiellen Unterschied zwischen dem Huf einer Kuh, einer Tigerkralle, der Haarlocke Napoleons, dem Pelz des Wiesels und dem Bärenfell. Alle sind aus Keratin – eine Hornfaser. Des Hornes wegen schmerzt es nicht, die Fingernägel zu schneiden, einen Nagel in den Huf des Pferdes zu schlagen oder sich die Haare zu schneiden: zumindest nicht äußerlich. Aber in der Kultur der Menschheit hat das Haar eine große Bedeutung gewonnen. Daher sind diese „Hairytales“ von Ina Loitzl kein Vorspann für eine allfällige Beschäftigung mit Knien oder Fußfersen. Wenige Körperteile am Menschen sind dermaßen aussagekräftig, gleichsam eine „architecture parlante“, wie die Haarpracht. Das Haar betrifft die Existenz des Menschen. Existenz: Der Begriff allein atmet den Geist der Tragödie und das Pathos kultureller Ernsthaftigkeit. Pathos und Tragik sucht man bei Ina Loitzl jedoch vergeblich: das hat inhaltlich und ästhetisch gute Gründe.
Die Kunst von Ina Loitzl ist zwar ernsthaft, aber der Ernst ist voller Ironie und Witz; er ist (…hintergründig. Schon seit geraumer Zeit arbeitet Ina Loitzl an der Schnittstelle einer Kunst, die einerseits sich selbst, ihr eigenes FrauSein, zum Gegenstand macht und der formal-ästhetischen Position einer feministischen Avantgarde. (…) Bei Ina Loitzl reicht das bis in die Wahl der künstlerischen Techniken und Materialen. (…) So wie der lange Zopf ein Zitat ist. Wie der Spiegel, der uns seine Spruchweisheit verkündet: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Dies alles sind Zitate. Ina Loitzl arbeitet sich am Zitat und seinem assoziativen Resonanzraum ab, wie an einem vorgegebenen Sujet. Techniken, Motive und Zitate sind Teile eines Rollenspiels, das immer schon die feministische Kunst dominiert hat. Das Rollenspiel fasziniert nicht nur die Kinder unter uns und die Kinder in uns. Wir spielen auch als Erwachsene Rollen, wir leben in unterschiedlichsten Parallelwelten. Das Spiel mit Rollenbildern war in der feministischen Avantgarde seit ihrer Geburt in den frühen 70er Jahren besonders wichtig. Die internationale Leitfigur ist dafür Cindy Sherman, in Österreich Irene Andessner. Das Sich-Auseinandersetzen mit Rollen, die Notwendigkeit, in eine Prinzessinnenrolle zu schlüpfen, eine Mutterrolle zu spielen oder Mutter zu sein, auf der anderen Seite eine aufregende und faszinierende Frau darzustellen, eine unabhängige und kreative Künstlerin zu sein: in diesen Parallelwelten zu leben, stellt für Frauen eine noch größere Herausforderung dar als für Männer. Die Rolle und ihre Eigenschaft ist nicht fest mit dem Charakter, mit dem eigentlichen Wesenskern des Menschen verwachsen. Sie ist aufgesetzt: Symbol wie Symptom des Gefühls, fremdbestimmt zu sein. Dieses Aufgesetzte, Heteronome scheint mir ein ganz wesentliches Thema des Schaffens von Ina Loitzl zu sein.
Man findet in Ina Loitzls Werken kaum traditionelle künstlerische Materialien. Multimedial arbeitet sie zwischen Video, Zeichnung, Skulptur und Objektkunst; sie verwendet industrielle, billige Materialien wie Plastik oder andere Kunststoffe. Plastik kennen wir als Problemabfall, nicht als Gegenstand der bildenden Kunst. Bei Loitzl schwingen immer der Witz, die Ironie, das Doppelbödige und das Hintergründige bei der Verwendung dieser Trash-Utensilien mit. Das edle, durch größere Tradition verbriefte künstlerische Material, mit dem die Männerwelt die Kunst beherrscht, meidet Ina Loitzl weitgehend. Eitempera oder Öl auf Leinwand wird man in ihrem Schaffen nur selten finden. Haare schmücken nicht nur. Haare haben eine eigene Geschichte, die mit dem Rollenspiel, dem gesellschaftlichen Statusverständnis zu tun haben, damit, was uns als soziales Wesen definiert; zu welcher Gruppe wir gehören, von welcher wir uns abgrenzen. Ina Loitzl hat in ihrer Videoarbeit „Die Seelen in meiner Brust“ die simultanen Rollen als Geliebte und Mutter, als gute Hausfee und als Intellektuelle aufgezeigt. Die Erwartungen, die mit diesen diametral entgegengesetzten Rollen verbunden sind, sollte frau tunlichst in einer einzigen Person erfüllen. Das geht bekanntlich nicht. Das zerreißt jeden Menschen. Frauen mehr als Männer. Weil wir Männer vielleicht simpler gestrickt sind. Weil man von uns Eindeutigeres erwartet. Weniger Widersprüchliches.
Was mich an Loitzls Arbeiten besonders fasziniert, ist ihr Witz. Der Witz ist aus der zeitgenössischen Kunst nicht wegzudenken: von Erwin Wurm bis Franz West. Deren Werk ist nicht zu denken, ohne dass wir den Witz als Gestaltungsprinzip mitempfinden. Deren Werk lebt geradezu vom Witz, vom blasphemischen Verstoß, von der skurrilen Ironie und vom Sarkasmus. Das ist der andere Kontext, in dem uns Ina Loitzl die Schönheit der Haare zeigt und den Zopf. Der Zopf wurde zwar bereits in der französischen Revolution als Symbol des Ancien Régime abgeschnitten. (…) Für Ina Loitzl ist das Haar nicht ein beliebiges Ding. Das Haar bedeutet ihr etwas. Es ist ein Symbol der Macht und der Machtlosigkeit, der Schönheit wie der Hässlichkeit. Das Haar wollen wir nicht verlieren. Loitzls „Hairytales“ sind einer der ästhetisch gelungensten und komischsten Beiträge im Verhältnis von Kunst und Ironie. Das ist vielleicht überhaupt das Interessanteste dieses jüngsten Zyklus, der tatsächlich ein „Hairytale“ als „Fairytale“ ist. Dass er uns einmal mehr die Gelegenheit bietet, über Ina Loitzl und ihre Kunst nachzudenken. Und damit über ein Stück von uns selbst. Beginnen wir damit. Es lohnt! (Dr. Klaus Albrecht Schröder zurEinzelausstellung „hairytales“ in der Kro Art Contemporary I 2013)
Biographie:
Museale Ausstellungen Wohnt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Wien und Kärnten I Temporäre Sommerateliers
Sammlungen
Screenings
Einzelausstellungen (Auswahl 2018 – 2022)
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